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Von nichts spricht man in Deutschland häufiger, als von der Mitte der Gesellschaft. Was eigentlich die Mitte ist, das weiß niemand so genau. In politischen Diskussionen unterscheidet man im wesentlichen in 3 Richtungen: links, rechts und die Mitte. Die Unterscheidung in verschiedene Richtungen ist auf die Französische Nationalversammlung in der verfassunggebenden Nationalversammlung aus dem Jahr 1789 zurückzuführen. Bis Dato war die Sitzordnung ein Spiegelbild festgefügter, gesellschaftlicher Hierarchie. Nun aber wurde durch sie die Dynamik politischer, ideologischer Auseinandersetzungen zum Ausdruck gebracht. Fortan konzentrierte man sich im Wesentlichen also auf die Auffächerung der politischen Meinungen in zwei „Extremen“, links und rechts. Auch in Deutschland entstand dieses Richtungsdenken durch eine Parlamentssitzung, in der Otto von Bismarck von den Herren zu seiner Linken, zur Mitte und zur Rechten sprach. Dieses visuelle Bild setzte sich fest und übertrug sich immer weiter auf die Denkweise der Menschen im Alltag. Im Prinzip erschuf man so das Denken und Handeln in Kategorien: auch als Schubladendenken bekannt.
Parteien buhlen um die Mitte
Der politischen Landschaft kam diese Denkweise gerade recht, denn so konnte man besser den Neidgedanken säen und der Bürgerschicht das Gefühl vermitteln, dass sie sozial unterteilt wäre. Logischerweise existieren diese Ebenen im natürlichen Kreislauf nicht, sondern wurden lediglich durch die Wirtschaftsmacht geschaffen. Kapital hat so viele Masken über die man die Gier im Menschen so verstärken kann, dass diese sich freiwillig gegenseitig in Kategorien einordnen, ohne das man von außen noch darauf einwirken muss. Egal auf welchen Lebensbereich wir blicken, immer wieder stößt man auf den negativen Selbsternährungsprozess: nichts könnte gefährlicher sein.
Ohne Zweifel beherrscht der elitäre Kreis das Wortspiel der Mitte, und stellt die Regeln für diesen gesellschaftlichen Fokus auf. Beachtet man wie lange die Mitte schon von der selben Macht kontrolliert wird, so ist wunderbar zu erkennen, dass es sich hier um ein Auswahlprozess handelt, um eine Art Vetternwirtschaft. Im Irrgarten gibt man den Menschen zu verstehen, wie wertvoll und wichtig es ist in der Mitte zu leben und das nur dann die Existenz angenehm ist, und so stellt sich jeder gegen jeden, nur um in die vorgegebene und auferlegte Mitte zu gelangen. Keiner mag aber mal daran denken, dass die Mitte immer ein Platz sein sollte, wo sich jeder ehrliche Mensch aufhalten kann, wo man ein gewisses Verständnis untereinander aufbaut, und wo Hand in Hand gearbeitet werden sollte.
Jede Partei möchte in der heutigen Zeit eine Partei der Mitte sein. Sie wollen damit die Masse der Wähler erreichen, die sich in ihrer „geschaffenen“ Mitte bewegen und verhindern, dass diese die Ketten der Illusionsmitte sprengen. Als Mitte bezeichnet man dass allgemeine, normale und tägliche Leben, ohne fanatische oder extreme Ansichten: nicht mehr und nicht weniger. Gerade auch neue Parteien begehen den Fehler und meinen, sie müssten genau in diese Mitte gelangen, um Wahlerfolge zu erzielen. Im Grunde wäre es jedoch viel sinnvoller, sich in der wirklichen, freien Mitte zu bewegen, um auf das eigentliche Zentrum der Menschen aufmerksam zu machen. Natürlich lockt die ewige Macht, denn Randparteien nehmen natürlich auch zur Kenntnis, wie lange sich die etablierten Parteien der Mitte schon halten.
Gesellschaft drängt in der Mitte zu stehen
Doch nicht nur Parteien buhlen um die Mitte und drängen sich dort hinein. Inzwischen haben es auch die einzelnen Gesellschaftsschichten in sich aufgenommen und meinen nur ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft sein zu können, wenn sie zur gehobeneren, bürgerlichen Mittelschicht gehören. Wie „primitiv“ ein solcher Gedanke ist, das braucht man nicht extra zu betonen, denn es ergibt sich aus dem Gesamtbild heraus. Ein Klassendenken ist entstanden, welches nicht nur kalt ist, sondern auch gar nicht konform geht mit den demokratischen und freiheitlichen Werten. Menschen, die sich noch in der finanziellen Mitte bewegen, treten auf Menschen ein, welche sich dort nicht mehr halten können, völlig zu Unrecht. Genau diese „tretenden“ Personen verschwenden nicht einen Gedanken daran, dass es ihnen morgen auch schon so gehen kann und das sie auch aufgefangen werden wollen. In der Mitte fängt man Menschen auf und stärkt sie, so besagt es der Urgedanke im Zusammenhang mit einem demokratischen System. Durch das Verhalten der „Narren“ ist es jedoch so weit gekommen, dass in der Mitte auch nur noch die ganz Großen herrschen. Was einst die Sicherheit aller war, wo man für seinen Ehrgeiz und seine Ideen „belohnt“ wurde, ist jetzt zu einem Machtspielfeld geworden, in den sich die Menschen austoben, oben und unten sich gleichermaßen schädigen. Zwischenmenschlich gesehen ist dieses Dimensionsdenken total verkehrt, denn täglich kann sich unser Leben ändern, und in dem Augenblick, wo wir alle unsere Ebenen haben, aber auch trotzdem auf einer Ebene vereint sind, braucht niemand Angst vor dem Fall zu haben, denn man ist füreinander da.
Mitte nur noch im Sinne des Kapitalgedankens
Überdeutlich ist es also, dass es die Mitte nur noch im Sinne des Kapitals gibt, aber nicht mehr als eine menschliche Basis. Was als politisches Spiel angefangen hat, wurde zum Gesellschaftsspiel und somit auch interessant als Wirtschaftsspiel. In dem man das „Zentrum“ in der Hand hatte, wurde es leichter Dumpinglöhne einzuführen, dass Volk ruhig zu halten und den „Nutzen“ einseitig aus diesem Kreislauf zu ziehen. Da die Mitte immer weniger Platz zu Verfügung stellte, aber keiner gerne als „extrem“ dargestellt wird oder als sozialer Hilfsfall, waren die Menschen fortan dazu bereit, alles zu tun nach den auferlegten Bedingungen, um weiterhin in der Mitte anerkannt zu sein. Das führte sogar so weit, dass Familien sich so hoch verschuldeten, dass sie vor Sorgen nicht mehr in den Schlaf gekommen sind, und die ganze Familie darunter zu leiden hatte. Konsumwerte ersetzen den menschlichen Anstand, unser eigentliches Gewissen. Was zählt ist nur noch der Status im Sinne des Kapitalgedankens, und um nichts anderes geht es mehr. Bildung, Erziehung, Leben, alles ist zu einer reinen Finanzfrage verkommen, weil man die Mitte zu einem Statussymbol erklärt hat.
Unternehmerischer Mittelstand existiert nicht mehr
Was uns dann auch gleich zu unseren Unternehmern der Mitte führt. In Deutschland gab es lange Zeit einen gesunden Mittelstand: Kleinunternehmer, welche sich mit Ehrgeiz hochgearbeitet haben, nannte man Mittelstandsunternehmer. Sie zahlten eine Zeit lang gute Löhne, sorgten für regionale Arbeitsplätze und die Kleinen hatten ein Ziel vor Augen, welches erreichbar war. Es war etwas da, für dass es sich lohnte zu arbeiten, durchzuhalten. Der Mittelstand wurde zur Schnittstelle zwischen den Kleinen und den ganz Großen. Damals zwar auch schon politisch gesteuert, so hielt es sich doch die Waage, und man konnte humane Werte noch halbwegs mit Kapitalinteressen verbinden. Viele im Mittelstand erkannten dann aber, dass man ohne Gewissen nach ganz oben kommt, und schon wurde das verachtet, was diese Menschen einst in den Mittelstand gehoben und für Sicherheit gesorgt hat. Hier sprechen wir von der ergänzenden Arbeitsweise, die ineinander verlief und berücksichtigte, dass nur ein zufriedener Arbeitnehmer ein guter Arbeitnehmer sein kann. Nachdem man dann auf den schnellen Kapitalgewinn aus war, hat man all diese Grundsätze vergessen und angefangen auf eigene Faust zu handeln und einfach nur Profit zu schlagen aus dem jeweiligen Moment. Da war es, dieses kurzsichtige Denken, was auch den Verantwortlichen und Auslösern die Sicherheit genommen hat. Ohne eine feste und gut aufgebaute Basisstruktur ist nämlich auch der schnelle Kapitalgewinn nur von kurzer Dauer. Wenn Unzufriedenheit, Armut und körperliche Schwäche wachsen, ist somit eines Tages gar keine Basis mehr vorhanden, die das Kapital stützen kann. Reichtum ist nicht möglich ohne die „Kleinen“, also muss die oberste Schicht erkennen, dass man der Basis ein sorgenfreies Leben ermöglichen muss. Lieber etwas weniger Reichtum, dafür aber Besitz auf Dauer und Sicherheit für alle Menschen. Unterschiede wird es immer geben, nur darf die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander gehen, als es Menschen verkraften können.
Ich schließe mit einem eigenen Zitat:
Wer sich im Strom des ewig konformen Denkens festigt, verweigert sich nicht der neuen Erkenntnis, sondern dem positiven Gesamtergebnis.
Ihr
Joachim Sondern
