Terror unter falscher Flagge in Deutschland: Die Sauerlandgruppe

19. September 2009 von admin Kategorie: Artikel & News

Wenn man von Terroranschlägen unter falscher Flagge spricht, dann denken die meisten zuerst an den 11. September und blicken sorgenvoll über den großen Teich in die USA. Doch auch die deutsche Vergangenheit und Gegenwart kennt Terroranschläge unter falscher Flagge. Zwar gilt der Urheber des Reichstagsbrand noch als umstritten, die Vorfälle um das Celler Loch und den Anschlag auf das Münchener Oktoberfest hingegen sind jedoch eindeutig. Jüngstes Beispiel in dieser unrühmlichen Kette von Verbrechen gegen die  eigene Bevölkerung der deutschen TerrorSicherheitsbehörden ist wohl der Fall um die Sauerlandgruppe. Zumindest legen das eine Vielzahl von Medienberichten nahe, die ich an dieser Stelle dokumentieren möchte.

Anlass dafür ist dieser heute im Spiegel erschienene Artikel:

Angeklagter im Sauerland-Prozess belastet Geheimdienste

Das umfangreiche Geständnis der vier Angeklagten im Sauerland-Prozess stürzt die Bundesanwaltschaft in Nöte. In der rund 1100 Seiten umfassenden Aussage-Niederschrift macht Attila Selek nach SPIEGEL-Informationen brisante Angaben – und berichtet von der Verwicklung der Geheimdienste.

Hamburg – Zugleich belastet Selek den Türken Mevlüt K. schwer. K. habe nicht nur der deutschen Gruppe um Fritz Gelowicz in Istanbul Zünder für einen geplanten Anschlag übergeben, sondern schon früh in Kontakt mit dem türkischen Geheimdienst gestanden. Gelegentlich, so Selek, sei er bei Zusammenkünften für eine Stunde verschwunden, offenbar, um Ermittler zu treffen.

Einmal sei K. nach einer Unterbrechung zurückgekehrt und habe plötzlich gewusst, dass die deutschen Behörden gegen eine Gruppe von Islamisten ermittelten. Dabei seien auch die Namen der Verdächtigen, ihre Namen, gefallen.

“Dann sagte er mir, dass er diese Informationen vom Geheimdienst klauen würde”, gab Selek zu Protokoll. Obwohl das Geständnis Mevlüt K. schwer belastet, zögert die Bundesanwaltschaft noch, einen Haftbefehl gegen den in Ludwigshafen geborenen Türken zu beantragen.

Ein Festnahmeersuchen könnte diplomatische Probleme mit der Türkei nach sich ziehen: K. war nach seinem Untertauchen in Istanbul Ende 2002 tatsächlich als V-Mann für den türkischen Geheimdienst tätig, der den Informanten in Kooperation mit der CIA führte – der SPIEGEL berichtete.

Die deutschen Behörden waren über das Projekt schon früh informiert. Seleks Aussagen werfen auch die Fragen auf, wie genau und ab wann die Geheimdienste Kenntnis von dem Terrorplot erlangt hatten.

Auch ein früher Artikel im Spiegel hat den gleichen Tenor:

Geheimdienste unterwanderten früh die Sauerland-Gruppe

Die sogenannte Sauerland-Gruppe steht schon seit langem im Visier der Behörden. So versorgte ein langjähriger Informant des amerikanischen und türkischen Geheimdienstes die Organisation mit Bombenmaterial.

Hamburg – Die Terrororganisation Islamische Dschihad Union (IJU) ist nach SPIEGEL-Informationen schon früh von Geheimdiensten und der Polizei unterwandert worden. So fand die Lieferung von 26 militärischen Zündern an die sogenannte Sauerland-Gruppe um Fritz Gelowicz im August 2007 unter den Augen der CIA und eines türkischen Geheimdienstes statt.

Einer der Islamisten, die die Zünder in Istanbul besorgten, ist seit Jahren Informant der amerikanischen und türkischen Sicherheitsbehörden. Nach der Identifizierung der Terrorzelle im süddeutschen Raum führte die deutsche Polizei zudem zwei Vertrauenspersonen an den Gelowicz-Kompagnon Daniel Schneider heran.

Einer der Informanten zog für sechs Wochen in eine Saarbrücker Wohngemeinschaft, in der sich Schneider aufhielt, und leitete unter anderem Details über dessen Tagesablauf und seinen Laptop an die Behörden weiter. Die Vertrauensperson habe “wertvolle Informationen zu Schneider und seinen Kontaktpersonen” geliefert, heißt es in einem Vermerk der Ermittler. Vergangene Woche erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen Gelowicz, Schneider und Adem Yilmaz.

Das Trio war am 4. September 2007 in einer spektakulären Aktion im sauerländischen Medebach-Oberschledorn festgenommen worden. Die Männer sollen im Auftrag der Islamischen Dschihad Union verheerende Anschläge mit Autobomben gegen amerikanische Einrichtungen geplant haben. Schon vor der Festnahme hatten Ermittler heimlich die zwölf Fässer mit Chemikalien für den Bombenbau ausgetauscht, um jede Gefahr für die Bevölkerung auszuschließen.

Mehr über die Islamische Dschihad Union wußte das ARD Magazin Monitor vor einiger Zeit zu berichten. Nämlich, dass es sich bei ihr, um nur wenig mehr als um eine (Geheimdienst/Zeitungs)Ente handelt:

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Apropos Enten. Einen ganzen Käfig davon bezüglich der Medienkampagne über die Sauerlandgruppe, behandelt ein interessanter Deutschlandfunkbeitrag.

Die AFP widmete sich Anfang des Monats genauer den angeblichen Verbindungen zur IJU und schreibt:

Sauerland-Gruppe bestreitet offenbar Kontakt zu Terrorgruppe

Frankfurt/Main (AFP) — Die vier Angeklagten im Sauerlandprozess bestreiten in ihren Geständnissen laut einem Zeitungsbericht eine Mitgliedschaft in der Terrororganisation Islamischen Dschihad Union (IJU). “Mein Mandant hat von der IJU erst aus den Medien erfahren”, sagt der Düsseldorfer Rechtsanwalt Johannes Pausch, der einen der Angeklagten vertritt, der “Frankfurter Rundschau”. Dies würde einem wichtigen Punkt der Anklageschrift widersprechen, in der die vier Männer beschuldigt werden, seit 2006 Mitglieder der Islamischen Dschihad Union gewesen zu sein und für die Terrorgruppe Anschläge in Deutschland geplant zu haben.

Pausch vertritt den zum Islam konvertierten Deutschen Daniel S. Dieser könne mit dem Begriff IJU nichts anfangen, sagte der Anwalt. Auch bei der Vernehmung der anderen Angeklagten scheine es keine Bestätigung für die Existenz der IJU gegeben zu haben, berichtete die Zeitung. Sicher sei nur, dass alle Beschuldigten in einem pakistanischen Ausbildungslager waren.

Die Angeklagten hatten im Terrorismusprozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf Geständnisse angekündigt, die für den 10. August erwartet werden. In den vergangenen Wochen wurden sie von den Sicherheitsbehörden umfassend vernommen. Sie sollen laut Anklage als Mitglieder der IJU mindestens drei verheerende Autobombenanschläge auf US-Bürger und amerikanische Einrichtungen in Deutschland vorbereitet haben. Drei der mutmaßlichen Terroristen waren nach monatelanger Observierung Anfang September 2007 im Sauerland festgenommen worden. Der vierte Beschuldigte wurde im November 2007 in der Türkei gefasst.

Auch der Stern hatte so eine Vorahnung:

Mutmaßlicher CIA-Mann war “der Chef”

Die Hintergründe der “Sauerland-Gruppe”, die 2007 Terroranschläge in Deutschland geplant haben soll, werden immer mysteriöser: Ein mutmaßlicher Kontaktmann des US-Geheimdienstes CIA spielte bei der Attentatsvorbereitung eine größere Rolle als bislang bekannt.

Es sollte offenbar der größte Terroranschlag in der Geschichte der Bundesrepublik werden: Die Mitglieder der so genannten “Sauerland-Gruppe” wollten im Herbst 2007 – laut Anklage der Bundesanwaltschaft – amerikanische Kasernen, Pubs oder Diskotheken in deutschen Großstädten in die Luft sprengen. Die jungen Muslime um den Ulmer Konvertiten Fritz Gelowicz sollen sich dazu zwölf Fässer Wasserstoffperoxid beschafft haben, das in einer Mischung mit Mehl nach Berechnungen von Gutachtern des Bundeskriminalamts (BKA) eine Sprengkraft von 410 Kilogramm TNT gehabt hätte. Anfang September 2007 waren Gelowicz sowie seine Glaubensbrüder Adem Yilmaz und Daniel Schneider im sauerländischen Oberschledorn festgenommen worden.

Wenige Wochen vor dem Prozessbeginn am 24. März erweist sich der Terror-Fall jedoch zunehmend als Agenten-Stück. In der Hauptrolle: Mevlüt K., ein 29-jähriger Türke aus Ludwigshafen. Das BKA ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts, bei der Beschaffung und Übergabe von 26 Sprengzündern an die “Sauerland-Gruppe” eine zentrale Rolle gespielt zu haben. K. soll zudem Kontakte zu hochrangigen al-Kaida-Mitgliedern und tschetschenischen sowie iranischen Mudschahidin haben. Doch seine Rolle ist noch in anderer Hinsicht interessant: Nach Informationen aus Sicherheitskreisen soll es sich bei Mevlüt K. um einen Kontaktmann des türkischen Geheimdienstes MIT und der amerikanischen CIA handeln.
Kontaktmann für die amerikanische CIA

Schon im Herbst 2001, unmittelbar nach den Terroranschlägen von New York und Washington, hatten sich amerikanische und deutsche Sicherheitskräfte für K. interessiert. Seine Wohnung in Ludwigshafen war damals durchsucht worden. Anfang 2002 wurde er auf dem Flughafen von Ankara festgenommen und saß bis November 2003 in türkischer Haft. In dieser Zeit wurde Mevlüt K. vermutlich vom türkischen Geheimdienst MIT angeworben. Später soll er nach Informationen aus Sicherheitskreisen im Fall der “Sauerland-Gruppe” auch als Kontaktmann für die amerikanische CIA gedient haben.

Der mutmaßliche CIA-Informant aus Rheinland-Pfalz soll in den Attentatsvorbereitungen dieser Terrorzelle eine zentrale Rolle gespielt haben, wie aus Ermittlungsunterlagen des BKA hervorgeht. Demnach soll er die Person mit dem Tarnnamen “sut” sein, über den die Beschaffung der 26 Sprengzünder maßgeblich gelaufen sein soll. Fritz Gelowicz soll mit “sut” konspirativ kommuniziert haben.

Sprengzünder in Schuhen

Über den jungen Alaeddine T. aus Wolfsburg soll Mevlüt K. im August 2007 zunächst 20 Sprengzünder an Gelowicz weitergeleitet haben. Angeblich waren sie in Schuhen versteckt, die K. in einer Istanbuler Moschee dem damals 15-jährigen Deutschen tunesischer Abstammung mitgegeben hatte.

Unter der Führung von Mevlüt K. seien auch weitere sechs Zünder nach Deutschland zur “Sauerland-Gruppe” geschmuggelt worden, aus dem Kosovo, wie die Terrorermittler herausfanden. Fünf serbische Islamisten sollen daran beteiligt gewesen sein, von denen einige im niedersächsischen Bad Harzburg gemeldet sind. Aus abgehörten Gesprächen geht hervor, dass Mevlüt K., der mutmaßliche CIA-Informant, für sie “der Chef” war, von dem die jeweiligen Anweisungen kamen.

Fall noch undurchsichtiger

Was den Fall noch undurchsichtiger macht: Wichtigster Kontaktmann von Mevlüt K. in Deutschland war nach BKA-Erkenntnissen der 26-jährige Somalier Ahmed H. aus Ludwigshafen. Es handelt sich um jenen Ahmed H., der zurzeit wegen Mordes an drei georgischen Autohändlern vor Gericht steht – zusammen mit einem Deutsch-Iraker, der als höchst fragwürdiger V-Mann jahrelang für das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz im Islamisten-Milieu gearbeitet hat – und ausgerechnet auf den jungen Somalier Ahmed H. angesetzt war.

Ahmed H., so geht aus BKA-Akten hervor, hatte in der Zeit der Anschlagsvorbereitungen regelmäßig telefonischen Kontakt zum “Chef” Mevlüt K., der sich in der Türkei aufhielt. In den Gesprächen sei es immer wieder um die Zünder gegangen. Am 3. August 2007 soll der Somalier in Mannheim die sechs Sprengzünder an den Rädelsführer der “Sauerland-Gruppe”, Fritz Gelowicz, übergeben haben. Einen direkten Beleg für diese Übergabe gibt es allerdings nicht, beide konnten zu diesem konkreten Zeitpunkt nicht observiert werden.
Maßgeblicher Mann bei der Beschaffung

Mevlüt K. soll der maßgebliche Mann hinter der Beschaffung der Zünder gewesen sein. Deutsche Ermittlungsakten weisen ihn als hochkarätigen Islamisten aus: Er habe dem Netzwerk des 2006 von den Amerikanern getöteten al-Kaida-Topterroristen al Sarkawi angehört und dort logistische Aufgaben erfüllt. Zudem sei er Kopf einer Gruppierung, die sich mit Anschlagsplanungen beschäftige, und verfüge über Kontakte zu Dschihad-Kämpfern in Tschetschenien und dem Iran. Mevlüt K. ist von libanesischen Behörden international zur Festnahme ausgeschrieben – wegen des Versuchs, durch Bildung einer al Kaida-Zelle im Libanon Terroranschläge zu verüben. Doch Mevlüt K., der mutmaßliche CIA-Mann, lebt nach stern.de-Informationen in der Türkei als freier Mann.

Bleibt noch die Frage nach dem Motiv für den geplanten Anschlag und die anhängenden Prozesse. Eine plausible Vermutung für zumindest ein Motiv stellt der Anwalt einer der Helfer der Gruppe in der Süddeutschen an:

Hüseyin Ö.s Anwalt Gabor Subai erklärte vor Gericht, beide Prozesse hätten politische Gründe. Es gehe um die Rechtfertigung des BKA-Gesetzes.

Quellennachweis:
http://blogpoliteia.wordpress.com/2009/07/25/terror-unter-falscher-flagge-in-deutschland-die-sauerlandgruppe/

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