Wirtschaftsethik

29. Juni 2010 von Eifelphilosoph Kategorie: Artikel & News

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Lesezeit: 9 – 14 Minuten

Irgendwie ist es eine Kultur des Geschreis geworden. Wann immer irgendwo etwas passiert, geht das Geschrei los. Das … ist aber auch nicht weiter schlimm. Schreien gehört zur Demokratie – einfach mal eine Bundestagsdebatte verfolgen … oder eine Sitzung im Rathaus. Finanzen – immer ein gelungener Nachmittag.

Momentan schreit man nach … Ethik. Mehr Ethik muß her. Sofort … an allen Ecken. Erstmal bei den Bürgern. Die brauchen ganz viel davon, die haben über ihre Verhältnisse gelebt, die müssen jetzt den Gürtel zum 34. Male seit der Abwahl von Helmut Schmidt enger schnallen.

Dabei war Ethik bei den Bürgern mal zu Hause. Auch und gerade als die sozialliberale Koalition in den siebziger Jahren mehr Demokratie wagen wollte und erstmal Berufsverbote erteilt hat. Die Bürger wollten keine Atomkraft, sie wollten keine Atomraketen, sie wollten keine atomaren Endlager … überall sprossen Bürgerinitiativen aus dem Boden und waren für alles und gegen jeden. Dann kamen die Grünen, aus Geschäft wurde Konzern. Der Rest ist Geschichte.

Aber es waren nicht nur die Grünen. Es war eine gezielt vorgetragene Offensive der Medien, die auf allen Kanälen nur eins propagierten: die Jagd nach immer mehr Geld als Lebenssinn. Unter fünf Millionen Barkapital war menschliches Leben gar nicht mehr zu denken. Und selbst mit denen galt man noch als kleine Wurst. Es war die Zeit von J.R.Ewing im ARD….und der gezielten Volksverblödung auf allen Privatkanälen.

Ethisches Handeln war was für “Emos”, grüne Weicheier und linke Sozialromantiker. Man war knallhart, raffgierig und beständig auf seinen eigenen Vorteil bedacht: das Modell “asozialer Schmarotzer” war geboren – seine glühendsten Verehrer gebrauchen ihn auch heute noch, um jene damit zu bewerfen, die im Zeitalter globaler Asozialität einfach auf der Strecke geblieben sind oder aus ethischen Gründen ein einfacheres Leben bevorzugten.

Wie schon damals zu erahnen, geriet das Leben aus den Fugen. Das Leben wurde, kälter, brutaler, langweiliger, harte einsame Kerle zogen durchs Land und fanden keine Frau, weshalb auch die Prostitution florierte. Die Gesellschaft brach auseinander wie in allen Feudalgesellschaften, die Steuerlast explodierte – wie in allen Feudalgesellschaften, die gesellschaftlichen Schichten wurden undurchlässig – wie in allen Feudalgesellschaften. Auf einmal war die alte Dreiteilung wieder da: Bauer, Bürger, Edelmann – nur war der Bauer wegen Landmangel arbeitslos geworden, auf seine Felder mußten Straßen und Einkaufszentren für den Adel gebaut werden. Die täglich schrumpfende Menge an Bürger schaut währenddessen zum Adel empor während sie unaufhaltsam ins Bäuerliche absinkt.

2005 war dann klar: es ist vorbei mit der Demokratie. Sozialdemokraten machten durch die Agenda 2010 klar, was sie von ihren Wählern hielten. “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” … so tönte es vom Müntefering … die kalten harten Kerle waren an der Macht. Milliarden an Versicherungsgeldern die man zuvor gerne und fleissig kassiert hatte wurden enteignet, die Arbeitslosen auf Steuergelderdiät gesetzt – obwohl man wußte, das es der Jugendwahn war, der älteren Arbeitslosen keine Chance mehr gab … und die Tatsache, das ihre im Alter zunehmende Krankheitsneigung die Renditeansprüche in Gefahr bringt.

2010 dann das große Geschrei … die Wirtschaft ist im Eimer – wie bei allen Feudalgesellschaften. König, Füsten, Grafen und Barone samt Ansprüchen zu bedienen, hat noch jeder Volkswirtschaft das Blut ausgesaugt, vor dem Hintergrund entwickelte Bram Stoker die Figur des Grafen “Dracula”, der das Saugen noch nichtmal nach seinem Tode sein lassen kann – die Vampirlegende war geboren und erfreut sich gerade heute wieder ganz besonderer Beliebtheit.

Und jetzt – natürlich – der Wunsch nach mehr Ethik, Wirtschaftsethik im Besonderen. Und natürlich Gürtel enger schnallen, denn: manche wollen noch was vom Kuchen haben:

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,703254,00.html

Wie ein Dinosaurier torkelt der Staat seinem evolutionären Ende entgegen. Den baldigen Meteoriteneinschlag ahnt er, aber er hat ihm nichts entgegenzusetzen: nicht der Schuldenexplosion, der er mit Schönheitskosmetik begegnet, nicht der immer größeren Kluft zwischen Arm und Reich, nicht der Versteppung der Kommunen, nicht der psychischen Umweltverschmutzung durch die Werbung, ganz zu schweigen von den Gefahren des Klimawandels. Die ökologische, monetäre und soziale Kreidezeit nimmt er als gegeben hin.

In solcher Lage fehlt der Politik auch der Wille, etwas zu ändern. Das politische Führungspersonal unterscheidet sich kaum von den Bankern der Konkurswirtschaft, die noch mitnahmen, was sie kriegen konnten: ein paar letzte Privilegien, ein bisschen Machtgefühl, ein paar Versorgungsansprüche.

Man merkt: ein Philosoph spricht. Irritierend die Titelveränderung: aus Demokratie auf Geisterfahrt wird im Original Die entfremdete Republik, so als ob der erste Titel dem Bürger zuviel Angst einjagen könnte. Nachher kommt er noch auf die Idee, etwas ändern zu müssen.

Ein treffender Begriff: Konkurswirtschaft. Konkurspolitik wäre das Pendant dazu. Und auch Konkursmedien:

Dazu kommt, dass auch die vermeintlichen Wächter unserer Demokratie, die Massenmedien, ihrer Funktion kaum gerecht werden. Die Nachrichtensendungen und Polit-Magazine behandeln Politik längst als Yellow-Press-Thema: wer mit wem, warum und warum nicht – ein nur mäßig interessantes Unterhaltungsprogramm mit wenig attraktiven Darstellern.

Wie eine volle Breitseite trifft die Perspektivlosigkeit von Wirtschaft, Medien und Politik den Bürger und wie üblich erfolgt zu diesen Zeiten das Geschrei nach mehr Ethik. Dabei braucht man da gar nicht schreien. Nach Ethik ruft man nicht, man macht sie. Und damit andere sie machen, lebt man es ihnen als Beispiel vor. Kinder lernen am Besten durch Beispiele. Erwachsene auch.

Es wäre ein Leichtes, die Ethik unter das Volk zu bringen. Dazu bräuchten wir eine Bundeskanzlerin, die auf Hartz IV-Niveau sinkt um zu zeigen, wie gut man davon leben kann. Und Deutschland regieren kann man auch von 45 m2 aus. Wir bräuchten Minister, die ihr nachfolgen – Hartz IV ist doch sowieso zu üppig, also soll Westerwelle zeigen, das man auch von weniger gut leben kann. Geldreiche, die ihr Vermögen sinnvoll einsetzen….und vor allem eine breite Medienoffensive, die den neuen Kurs von Genügsamkeit, Demut und Bescheidenheit so offensiv vorträgt wie einst die Jupi-Kultur vorgetragen wurde. Wir brauchen Manager, die Spaß an ihrer Arbeit und nicht die Gier nach Millionen antreibt, Polizisten, die Freude an der Sicherheit und nicht Spaß an der Macht antreibt, Lehrer, denen es um Schüler geht und nicht um Ferien und Beamtenstatus, Politiker, die ihre Bezüge dem Volk stiften, weil sie sowieso schon Geld aus ihrem alten Beruf mitbringen oder weil die Frau gut dazu verdient.

Was wir brauchen, ist erstmal Hartz IV für alle und jeden – als unantastbares Grundeinkommen, damit die Kultur der Angst und der Schikane wieder zurückgefahren werden kann. Und dann … müssen wir zur Ruhe kommen und nachdenken, nachdenken, nachdenken. Jede Perspektive muß erfaßt werden, die zur Katastrophe beigetragen hat … und dieses Mal bitte BEVOR SIE EINGETRETEN IST. Das wäre ja mal was ganz Neues: Wiederaufbau noch bevor alles zusammengebrochen ist. Wirtschaftliche Unabhängigkeit muß als zentraler Punkt in die Verfassung. Ein Bürger, der wirtschaftlich abhängig ist, wählt nicht was er für gut hält, sondern was seinen Befehlshabern gefällt. Wir können nicht mehr so tun, als seien wir Demokraten Wesen, die von Luft und Liebe allein leben könnten. Essen, Trinken, Wärme … ohne solche Kleinigkeiten sind wir arm dran. Und diese Kleinigkeiten geraten zunehmen in Gefahr, weil wir von Krise zu Krise torkeln:

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,703326,00.html

Es ist eine deutliche Warnung, und sie kommt von Experten, deren Urteil Gewicht hat: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich sieht die Gefahr einer neuen Finanzkrise. “Was wir erlebt haben, könnte sich wiederholen”, schreibt das Institut, das schon die vergangene Krise früh vorausgesehen hat.

Doch was macht die Elite? Weiter wie bisher. Sie rennt höchstens noch schneller um vor dem Untergang noch schnell ein paar Scheinchen mehr zu kassieren. Lehren aus der Krise? Keine, weiter so.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,693251,00.html

Ganze Staaten wanken, Hunderttausende bangen um ihre Jobs – doch ein paar Superreiche leben in Saus und Braus: Für Wirtschaftsethiker ist die Finanzkrise ein perfektes Studienobjekt. Sie forschen, entwickeln neue Modelle und appellieren an die Elite: Kehrt endlich zu den alten Werten zurück!

Und damit die umdenken, soll es flächendeckend Lehrstühle für Wirtschaftsethik geben. Tolle Idee, nur … wenn da keiner hingeht? Wir haben eine christliche Kultur, wir feiern Ostern und Weihnachten, wir haben Religionsunterricht in jeden Schulen, die Ehtik, die dort gelehrt wird, ist jedoch nicht diejenige, die unsere Wirtschaft oder unser Leben leitet….und wenn es die Kirchen nicht schaffen, die Menschen zur Nachfolge Christi anzuhalten – wie sollten dann die Wirtschaftsethiker die Lumpenelite zum Maß halten motivieren? Aber auch die Kirchenleute verstehen sich je eher als Diener der Welt denn als Diener Gottes und reden der Lumpenelite nach dem Munde:

Allein von oben herab könne eine Neuordnung zu einem nachhaltigen Wirtschaftssystem jedoch nicht stattfinden, warnt der Theologe Bilgri. Er fordert Eigeninitiative von jedem einzelnen Bürger. “Der Konsument hat eine Marktmacht. Wenn er die einsetzt, indem er verantwortungsvoll konsumiert und investiert, sind die Unternehmen gezwungen, ihre Firmenstrategie und Produkte entsprechend anzupassen.”

Ein gutes Beispiel ist nach Ansicht Bilgris die Finanzkrise. “Nicht nur die Banker und Manager, auch Kleinanleger ließen sich von der Gier leiten. Wir müssen uns alle an die eigene Nase fassen.”

Und wieder waren es: wir Bürger. Das war auch im Feudalismus so. Der Papst hat herumgehurt und die Hexe wurde verbrannt. Der Mensch war sündig und mußte bestraft werden, der Priester nahm diese Last schweren Herzens auf sich.

Das der Tanz um das goldene Kalb widerwärtig, asozial und wahnhaft ist, weiß jeder. Dafür brauche ich kein Institut für Wirtschaftsethik, keinen Priester und keinen Philosophen, da reicht mir eine Umfrage in der Eckkneipe, im Wanderverein oder im Schrebergarten.

Aber ratet mal, welche Typen ich weder in Eckkneipe, Wanderverein oder Schrebergarten finden werde … und warum es so wenig Shows und Serien über Eckkneipen, Wandervereine und Schrebergärten gibt. Die Antwort hängt direkt damit zusammen, das die “Lindenstraße” so erfolgreich war.

Die Ursache liegt … in der tiefen Zerrüttung unsere Kultur durch die Medien – allen voran die Werbung.
Neben den skizzierten persönlichen Opfern der staatliche alimentierten Funktionsträgern brauchen wir auch noch ein paar Schutzgebote … zum Beispiel Schutz vor manipulierender Werbung, genau genommen das Verbot von Werbung jeder Art sowie die öffentliche Ächtung von Journalisten jeder Art, die auf dem Bundespresseball gesehen werden.
Oder denkt ihr, die Tatsache, das mitlerweile jeder 9. Kindergeburtstag bei McDonalds gefeiert wird, ist vom Himmel gefallen? Für solche “Erfolge” werden Manager bezahlt. Der Rest … läuft fast von selbst.

Wer Ethik will … soll es einfach tun.

Ich selbst denke jedoch, das es zu spät ist, die Lumpeninvasion aufzuhalten. Sie ist zu weit fortgeschritten in Wirtschaft und Parteien, wo die nächsten zwei Generationen an Lumpen schon großgezogen werden. Wir werden wohl wieder durch Meere von Blut wandern müssen, vielleicht gibt´s auch mal wieder Krieg mit Russland – das kam bislang immer gut an.

Und dann bauen wir eine noch bessere Verfassung, die vielleicht dann endlich auch die sozialen Menschenrechte enthält, weil man dann nochmal gelernt hat, das diese Rechte für die Aufrechterhaltung des Friedens unerläßlich sind, auch wenn man sie jetzt noch als “leistungsloses Einkommen” schmäht.


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